
Das ist die Rezension von Linda Hagen zum Buch “Die Zwerghamster der paläarktischen Fauna” von Wladimir E. Flint. Linda, auch diesmal möchten wir uns bei dir für deine Mühe bedanken!
Wladimir E. Flint
Die Zwerghamster der paläarktischen Fauna
2. unveränderte Auflage von 2006
(Nachdruck der 1. Auflage von 1966)
Inhalt:
Vorwort, Seite 3
Herr Flint beschreibt sein eigenes Interesse an der Erstellung dieses Buches. Er hat zahlreiche Daten über die Zwerghamsterarten der paläarktischen Fauna selbst gesammelt und ausgewertet und beschreibt seine erste Begegnung mit einem (Eversmann-)Zwerghamster.
Systematik, Beschreibungen, Verbreitung, Seite 4
Hier wird eine Einteilung der verschiedenen Zwerghamsterarten versucht. Als bestimmendes Merkmal der Cricetinae (Hamster) wird der gleiche Bau der Backenzähne genannt. Die erstellte Systematik wird als noch nicht endgültig beschrieben. Die verschiedenen Unterarten werden authentisch beschrieben und die vorgenommene Einteilung und zugeschriebenen körperlichen Eigenschaften gelten heutzutage fast gleichermaßen.
Biotope und Siedlungsräume, Seite 18
In diesem Kapitel wird eine schöne Auflistung von stenotopen zu eurytopen Biotopbewohnern vorgenommen und mit einer leicht verständlichen Graphik untermalt.
Ernährung, Seite 30
Die Ernährungsgewohnheiten der einzelnen Zwerghamsterarten werden erklärt und die prozentualen Anteile an Insekten hervorgehoben. Das Hauptfutter fast aller Arten sind Gräser- und Sträuchersamen, somit liegt eine Ernährung basierend auf Eiweißen und Kohlenhydraten vor. Es liegt eine breite und wenn territoriale Spezifikation vor, so dass eine Zwerghamsterart je nach Lebensraum ihren Nahrungsstil anpasst.
Populationsdynamik, Seite 37
Herr Flint präsentiert hier Beobachtungsergebnisse verschiedener Forscher aus den Jahren 1944 bis 1959. Die Populationen von Dsungaren/Campbells und Daurischen Zwerghamstern sind über Jahre hinweg weitgehend stabil.
Vermehrung, Seite 39
Es werden die natürlichen Fortpflanzungsmonate, Trächtigkeitsdauer und Geschlechtsreife der einzelnen Arten dargestellt. Dsungaren/Campbells pflanzen sich in der Natur über 5 Monate im Jahr fort. Es wird eine Abhängigkeit vom natürlichen Nahrungsangebot vermutet und aufgezeigt.
Sterblichkeit, Seite 47
Hier beschreibt Herr Flint einige Annahmen über die Regulation der Populationsdichte. Vermutet wird eine Regulation durch Raubtiere, was aber durch verschiedene Quellen nicht bestätigt werden kann. Parasiten und Epidemien werden ausgeschlossen. Das Alter von in Gefangenschaft lebenden Zwerghamstern wird zwischen zwei und drei Jahren angegeben.
Ursachen der stabilen Populationsgrößen, Seite 58
Hierzu sind nur Theorien bekannt und es wird vermutet, dass viele Faktoren beteiligt sind.
Baue, Seite 59
Zwerghamstern werden keine guten Grabeigenschaften zugeschrieben, so dass sie oft alte Baue anderer Arten nutzen. Selbstgegrabene Baue werden von Art und Art und je nach Biotop komplizierter. Mausartige Zwerghamster leben meist in Felsspalten, Roborowski Zwerghamster bauen lange gerade Röhren und haben ein Nest mit Kamelwolle, Dsungaren bauen mehrere Eingänge und haben ein Nest mit getrockneten Gräsern, Daurische und Graue Zwerghamster bauen unterschiedliche Sommer- und Winterbaue. Als charakteristisch für Eigenbaue wird ein senkrechter, brunnenartiger Schacht beschrieben. Durch die Mitnutzung artfremder Baue wird ein häufiger Flohbefall beschrieben.
Aktivität, Seite 67
Die Hauptaktivitätszeiten sind die frühen Dämmerungsstunden bis Mitternacht und die frühe Morgendämmerung. Auch tagsüber sind Zwerghamster aktiv. Im Winter sind alle Zwerghamsterarten weniger aktiv, da jedoch (die westliche Form des) Dsungaren im Winter weiss wird, wird eine phylogentisch alte Adaption vermutet. Selbst bei -40 °C waren Dsungaren und Daurische Zwerghamster aktiv, Rattenartige Zwerghamster starben jedoch bei einer Temperatur ab -17 °C. Die Futtersuche der Arten erstreckt sich von 100 bis 800m vom Bau entfernt, so dass beträchtliche Strecken zurückgelegt werden. Ein Streunerleben kann jedoch nicht bestätigt werden.
Anlage von Futtervorräten, Seite 71
Lediglich Mausartige Zwerghamster legen keine Vorräte an, sie haben auch keine Backentaschen. Der Futtervorrat der anderen Arten reicht für sechs bis neun Monate und es liegen jahreszeitliche Schwankungen vor. Im Frühjahr ist eine deutliche Dezimierung des angelegten Vorrats messbar.
Synanthropismus, Seite 75
Die Bindung an menschlich geformte Landschaften ist bei den Zwerghamstern in drei Gruppen einteilbar. Mausartige, Rattenartige und Roborowski Zwerghamster zeigen keinerlei Bindung an menschliche Siedlungen. Dsungaren, Mongolische, Eversmann- und Langschwanz-Zwerghamster binden sich zumindest zeitweise an ländliche Siedlungen. Graue, Mongolische und Daurische Zwerghamster lassen sich je nach Gebiet auch in städtischen Bauten finden.
Parasiten, Seite 80
Bei Zwerghamstern finden sich in der Natur jegliche Floh- und Zeckenarten der Biotope. Wegen dem häufigen Kontakt zu Trägern artspezifischer Parasiten finden Forscher diese auch bei den Zwerghamstern (Mitnutzung der Baue).
Wachstum und Entwicklung, Seite 81
Zum Daurischen, Mongolischen, Dsungarischen und Roborwoski Zwerghamster wurden zahlreiche Daten der postembryonalen Wachstumsphasen gesammelt. Die Entwicklung der Jungtiere ist bei allen Zwerhamsterarten sehr ähnlich. Dsungaren/Campbells und Roborowski Zwerghamster sind mit etwa 14 Tagen vollständig entwickelt.
Schlussbemerkungen, Seite 90
Eurytopie, Eiweiß-Kohlenhydraternährung, Parasitenvielfalt und unspezifische Biologie lassen Herrn Flint zusammenfassen, dass die Spezialisierung der Zwerghamsterarten darin besteht, dass eine mangelnde Spezialisierung vorliegt. Somit lässt sich vielleicht auch die stabile Populationsdynamik in der trockenen Landschaft der Paläarktis beschreiben.
Literaturangaben, Seite 93
Herr Flint nutzte hauptsächlich Literatur und Studien der letzten 30 Jahre, also 1930 bis 1960 aus dem russischsprachigen Raum. Dies lässt sich daran erklären, dass das gesamte Verbreitungsgebiet der Zwerghamster durch russische Forscher abgedeckt wird.
Namensverzeichnis, Seite 99
Hier werden nochmals alle erwähnten Zwerghamsterarten mit wissenschaftlichem und Trivialnamen aufgelistet.
Insgesamt ein sehr interessantes, forschungsbasiertes Buch über die verschiedenen, fast vollständig aufgezählten, Zwerghamsterarten. Anfangs scheint die Übersetzung ins Deutsche teilweise stockend, doch der sehr lebendige Sprachstil lässt das Buch wie eine Erzählung unter vier Augen erscheinen. Die Fotos sind leider nur in schwarz-weiß, obwohl selbst die Originale der 50er und 60er Jahre in bunt vorliegen müssten. Da Herr Flint Wissenschaftler ist, schreibt er meist in Fachjargon und eine kleine Erklärung zu den ganzen Fremdwörtern, die einem überall begegnen, wäre hilfreich (evtl. ein Glossar).
Neuere Untersuchungen dieser Art sind kaum erhältlich. Selbst Recherchen in mir durch die Universität zugänglichen Online-Research-Plattformen ergaben nur wenige Studien, die sich mit dem ursprünglichen Dsungarischen oder Campbell-Zwerghamster beschäftigen. Es wäre interessant zu erfahren, ob aktuellere russischsprachige Untersuchungen vorliegen, die diese alten Erhebungen stützen, widerlegen oder komplett anders darstellen.
Nachtrag: Die Untersuchungsmethoden könnten einige Tierliebhaber schockieren (sofern sie sie registrieren), die erhaltenen Informationen sind jedoch unentbehrlich für eine adäquate Datenerhebung.
Tweet
Ähnliche Beiträge:
Du kannst die Kommentare zu diesem Beitrag als RSS 2.0 Feed abonnieren. Wenn dir dieser Beitrag gefällt, hinterlasse doch einen Kommentar oder sende einen Trackback von deinem Blog.




Gute Rezension. Es gibt übrigens tatsächlich ein neueres Buch, das sehr interessant erscheint: Chomjatschki roda Phodopus: Sistematika, filogeografija, ekologija, fisiologija, powedenije, chimitscheskaja kommunikazija (Feoktistowa; Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau 2008), leider nur auf Russisch.
@Tina: Ja, ich finde die Zusammenfassung auch sehr gelungen. Russisch hatte ich allerdings nie…